23.07.2015

Wie arbeitet UNICEF - Strategien für Lückenkinder

23. Juli 2015

Wie arbeitet UNICEF - Strategien für Lückenkinder

23. Juli 2015
Christian Salazar wird UN Koordinator in El Savador
Die UNICEF Kantine wohnlich& nett
Für mich Bilder, für andere frühere Arbeitsplätze
Hier sitzen 4 Personen am Besprechungstisch- online & on the phone& im Raum

Reisetagebuch, Tag 3:

UNICEF hilft Kindern in rund 150 Ländern und ist in so gut wie jedem Land der Erde präsent. In den Länderbüros arbeiten überwiegend einheimische Mitarbeiter, die Expertise mitbringen und die lokale Sprache sprechen.

UNICEF finanziert seine Arbeit ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen von privaten Bürgern sowie Regierungen. Die Spendensammlung wird durch die Regionalkomitees in den „Geberländern“ also den Entwickelten Ländern gesammelt. So auch in Deutschland vom Deutschen Komitee.

Von Christian Salazar, der selber einst Mitarbeiter bei UNICEF Deutschland war und heute die Strategieabteilung von UNICEF leitet, erfahre ich Einiges über den Arbeitsablauf. Leider wird Harr Salazar UNICEF in den nächsten Wochen verlassen und wird UN-Koordinator in El Salvador. Aber dennoch erfahre ich bei der Gelegenheit, dass über 60 Deutsche bei UNICEF im Headquarter oder in den Länderprogrammen fest tätig sind.

Über Leitlinien, Haushalt und Ausrichtung der Programme entscheidet das oberste Organ, der Verwaltungsrat aus Delegierten von 36 Nationen. Welches Land wie viele Mittel erhält, kommt zum Beispiel auf die Kindersterblichkeitsrate, der Zahl der Kinder im Land und das Durchschnittseinkommen an.

Die Planung der Länderprogramme läuft in der Regel über einen Planungszeitraum von über fünf Jahren und wird vor Ort von den Länderbüros ausgearbeitet und aus New York freigegeben und begleitet.

In der Länderanalyse benennt UNICEF gemeinsam mit der Regierung und UN-Partnern die wichtigsten Herausforderungen und Entwicklungsziele für Kinder und Frauen – zum Beispiel die Senkung der Kindersterblichkeit oder der Verbesserung der Bildungschancen.

Im Entwurf des Länderprogramms legen UNICEF und die Regierung ihre gemeinsame Strategien und die Ziele fest. Dazu gehört auch die Vorbereitung auf mögliche Nothilfesituationen.

Im Management- und Budgetplan legt jedes Länderbüro die benötigten Ressourcen fest, sowie die Verantwortlichkeiten und Erfolgsindikatoren werden definiert. Das Budget umfasst jeweils eine Grundfinanzierung.

Für ihre Aktivitäten bitten die UNICEF- Büros dann um weitere Gelder – beispielsweise beim Deutschen Komitee.

Der Aktionsplan legt die geplanten Leistungen fest, die durch UNICEF, der Regierung und den Partnerorganisationen erbracht werden. Ein integrierter Monitoring- und Evaluierungsplan stellt sicher, dass geplante und tatsächliche Fortschritte ermittelt und abgeglichen werden.

Mit der Unterzeichnung durch UNICEF und Regierung beginnt formal ein neuer Programmzyklus.

In New-York werden aber dennoch einzelne Programme entwickelt. Hierzu gehört auch eine Analyse über Entwicklungen, Herausforderungen und neue Tendenzen. Ich treffe mich mit zwei sehr engagierten Mitarbeiterinnen in der Programmabteilung Judith und Susanna. Sie arbeiten an einem Projekt für „Second Dekade“ das heißt für Kinder zwischen 12 und 16 Jahren. „Wir investieren in Kinder und Kleinkinder, in ihre Ernährung und Gesundheit, beschulen sie und geben ihnen Sicherheit, nur um sie dann im Jugendalter zu verlieren. Das darf nicht sein.“ leitet Judith ein. „In diesem Alter werden sie zu Kindersoldaten ausgebildet, zwangsverheiratet und verschwinden aus den Augen des öffentlichen Bewusstseins. Sie tauchen erst wieder auf, wenn sie zu Problemen werden oder etwas Schlimmes passiert. Das ist zu spät.“

Auch in Deutschland kennen wir das Wort „Lückenkinder“. Das sind Kinder in eben dieser Altersgruppe, die nicht mehr in Hort oder Nachmittagsbetreuung sind, wenig Angebotsstrukturen neben den Vereinen haben. Deshalb war es mir immer wichtig, mich für offene Jugendarbeit, Orte des Treffens und Streetwork zu engagieren. Denn genau dann dürfen wir sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht alleine lassen und vertraute Räume außerhalb des Elternhauses schaffen. Jetzt wird es mir deutlicher, warum mir das so wichtig war und ist.

Judith und Susanna entwickeln Handlungskonzepte. In ihrer Analyse zeigen sie mir auf, wie systematisch die Kinder verloren gehen. Viele Taten, weswegen junge Menschen verurteilt werden, seien Taten, die nur sie begehen können- altersbezogene Taten. Zum Beispiel Übertretungen von Altersgrenzen, Sexualstrafrecht oder Willkür des Staates. Junge Menschen werden in Gefängnisse eingesperrt, haben keine Rechte auf Anwälte und Beistand. Eltern seien entweder nicht da oder ihnen fehle das Geld für Hilfe. In den Jugendgefängnissen werden sie missbraucht und zu Sklavenarbeit verpflichtet oder kriminalisiert. In diesen Regionen seien junge Menschen in einem rechtsfreien Raum für sie. Wenn sie dem entgehen wollen, gäbe es nur die Flucht, Untertauchen oder die Kriminalität als Alternative.

Ihre Ziele sind abgesteckt:

·         - Gesundheitsversorgung auch für Mädchen und Jungs in Teenageralter zu schaffen, darunter auch Aufklärung und Vermeidung von frühen Schwangerschaften

·        -  Weiterführende Ausbildung und Beschulung nach der Grundschule

·         - Sicherheit und Schutz durch Anerkennung ihrer Rechte, Vermeidung von Willkürbestrafungen, Jugendgefängnissen,  Schutz vor familiärer Gewalt, Zwangsverheiratungen, Missbrauch, Verschleppung

·         - Kontinuität in Begleitung und Unterstützung

Ich lerne: Die Programmabteilung erkennt ein Problem, arbeitet Umsetzungsideen aus, diese kommen zu den Länderbüros, diese implementieren die Maßnahmen, dort und auch hier werden diese ausgewertet und entsprechend vertieft, weiterentwickelt, in die politische Debatte eingebracht und als Ziel festgehalten oder sie führen zu einer neuen Analyse. So hängt alles mit allem zusammen und es funktioniert – für die Kinder der Welt. Jeden Tag wird das Recht der Kinder in kleinen Schritten weitergebracht, mit vielen Rückschlägen.

Ich werde über Jugendhilfe und Jugendstrafrecht in Deutschland von ihnen ausgefragt. In solchen Situationen wird es mir deutlich, wie gut ein funktionierender Rechts- und Sozialstaat ist und wie selbstverständlich wir das halten. Gerne übermittle ich ihnen einige Kontakte zu Forschung und Wissenschaft, zu Adoleszenz nach Deutschland und erhalte sogleich zwei Einladungen zu Veranstaltungen.

Neben der inhaltlichen und strukturellen Arbeitsweise von UNICEF erfahre ich an diesem Tag noch etwas anderes. Was es eigentlich heißt, hier zu arbeiten. Viele der kleinen Arbeitsboxen sind mit privaten Kinderbildern, gemalten Karten und Mitbringsel aus den Feldaufenthalten, geschmückt. Da hier viele Stunden verbracht werden und anders als wir gewohnt sind, Urlaub viel weniger ist, sind Boxen in Großraumbüros – manch einmal ohne Tageslicht, ihr Hauptaufenthaltsraum. Beim Mittagessen frage ich meine Tischnachbarn aus. Die Verträge laufen in der Regel 2 bis maximal 5 Jahre. Danach müssen sie sich weiterbewerben. Meist findet sich etwas innerhalb der Strukturen, allerdings ist unklar, wo. Das bedeutet, viel Umziehen und nicht sesshaft werden. Oftmals sind auch die Partner und Partnerinnen bei der UN oder in ähnlichen Arbeitsstrukturen tätig, sodass über gemeinsame Bewerbungen versucht wird, an einem Ort zu landen. Für Kinder bedeutet das aber auch, dass sie über lange Strecken nur mit der Mutter oder dem Vater zusammenleben.

Die neuen Medien werden genutzt, um überall auf der Welt miteinander zu kommunizieren. Während meines Aufenthaltes hatte ich zwei Sitzungen, in den via Telefon, via Skype oder beides zugleich Teilnehmer zu geschaltet wurden. Da bereits alle daran gewohnt sind, macht es in der Runde auch kaum einen Unterschied. Allerdings sind die Sitzungen hoch effektiv und sehr konzentriert. Oft war es arbeitsbedingt, dass aus der Arbeit in den Feldbüros oder an anderen UN Standorten Personen zugeschaltet wurden. Es wurde aber auch offen damit umgegangen, wenn jemand zu Hause, um das kranke Kind zu pflegen oder den Hochzeitstag der Schwiegereltern vorzubereiten. Flexibilität und Toleranz trafen hier auf eine Arbeitskultur des Vernetzens.

Noch etwas fiel auf: Alle 2 bis 5 Jahre wechseln bedeutet permanente Personalfluktuation. So kam es, dass Herr X für ein Gespräch vorgesehen war, dieser aber letzte Woche abberufen wurde und Frau Y das Gespräch genau an dem Punkt übernahm, an dem er es fortführen wollte. Wie machen sie das?

Wir sind eine UNICEF Familie und machen gute Übergaben, daran sind wir gewöhnt, war die Antwort. Nur die Erinnerungen in den Mitbringsel und die selbstgemalten Karten der Kinder – die hatten Kontinuität, wenn auch mit anderen Hintergrund.