25.02.2015

Reise nach Davidson, USA

25. Februar 2015

Reise nach Davidson, USA - Mein Reisebericht

 

 

Bild 1: Prof. Scott Denham
Bild 2: Abschiedsabend am Davidson College. Nach einem Empfang bei der Präsidentin Caroll Quillen fand eine öffentliche Podiumsdiskussion statt. Prof. Bes Ceka führte uns durch eine Reihe an aktuellen Politischen Themen: Ukraine, Griechenland, Zukunft der NATO, EU, u.v.m. 
Bild 3 bis 6: Eindrücke aus Davidson

 

 

 

 

Vom 16. bis 20. Februar 2015 war ich auf Einladung von Prof. Denham Scott, gemeinsam mit meiner Kollegin Kerstin Celina, MdL im Bayrischen Landtag, zu Besuch in Davidson und Gast am Davidson College. Die spannenden Eindrücke habe ich in meinem nachfolgenden Reisebericht zusammengefasst:

 

16.02.2015

  • Gespräch mit dem Gastgeber Prof. Scott Denham
  • Führung durch den Campus, Besuch der Universitätsbibliothek
  • Gespräch mit der studentischen Arbeitsgruppe „Diversität“
  • Gespräch mit dem internationalen Studentischen Austauschdienst
  • Besichtigung der Kultur und Sporteinrichtungen der Universität
  • Stadtrundgang
  • Austausch über das akademische System mit Prof. Burkhard Henke und Prof. Scott Denham

 

Davidson ist eine Kleinstadt im Mecklenburg County im US-Bundesstaat North Carolina mit ca. 10.000 Einwohnern.  

Die Einladung für meinen Besuch erfolgte von Scott Denham (Ph.D., M.A. Harvard University, B.A. University of Chicago),  Professor für Germanistik und deutsche Literatur. Er spricht nicht nur hervorragend Deutsch, sondern hielt sich bereits mehrere Male zu Forschungszwecken in Deutschland auf. Zu seinen Forschungsthemen gehören sowohl vergleichende Literaturwissenschaft, Kriegsliteratur, als auch Literarisches Übersetzen. Vor Ort engagiert er sich als  Komitee-Mitglied der “Charlotte Warburg Chapter of the American Council on Germany“. Ziel des Verbandes ist es, politische Experten, Vertreter aus dem Finanzwesen, der Justiz und aus der Industrie zur Stärkung der Deutsch-Amerikanischen Transatlantischen Zusammenarbeit nach Charlotte und Davidson zu bringen. Gemeinsam mit meiner Kollegin Kerstin Celina, MdL im Bayrischen Landtag, sind wir dieses Jahr Gäste der Fakultät.

Mein Aufenthalt beginnt am ersten Tag auf dem Campusgelände der Hochschule in Davidson , welche als eine der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Hochschulen Amerikas gilt. Etwa 2000 StudentInnen studieren hier in den verschiedensten Fächern und können sich ihr Studium aus einem Kanon von über 850 verschiedenen Kursangeboten zusammensetzen. Die Betreuung durch die Lehrkräfte ist sehr persönlich und es gibt zahlreiche außerschulische Angebote. 25% der Studierenden  sind im Leistungssport aktiv und beziehen ihre Studienfinanzierung über ihre herausragenden sportlichen Fähigkeiten.

Während des Aufenthalts erfahre ich aber auch, dass das System den Zugang zum Studium selektiv gestaltet, da die Studiengebühren im Jahr ca. 60 000 US Dollar betragen. Die Hälfte der Studierenden bekommt über die Hochschulstiftung ein Stipendium. Insgesamt spielen die privaten Stiftungen und Spenden eine große Rolle für die Ausstattung der Hochschule. Die jährliche private Stiftungshöhe beträgt etwas über eine halbe Mrd. US Dollar (511,3 Mio. im Jahr 2013).  

Bei einem Gespräch mit der Arbeitsgruppe Diversifikation kann ich einen guten Einblick in das studentische Leben der Studierenden gewinnen. Inhaltlich finde ich es sehr bemerkenswert, wie die Hochschule sich sowohl in der Lehre, als auch im täglichen Umgang immer wieder mit der Frage der Inklusion, der Diversität, als auch  mit dem Abbau von Vorurteilen in einer vielfältigen Gesellschaft beschäftigen muss, obwohl die USA ein klassisches Einwanderungsland ist und als Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und ethnischer Minderheiten gilt.

Während wir in Deutschland über Menschen mit Migrationshintergrund sprechen, ist es hier schwieriger die Gruppe der Minderheiten zu definieren. Im Gegensatz zu Migranten in Deutschland haben sie keine Migrationsgeschichte. Oftmals liegt die Wanderungsbewegung der Familie drei bis vier Generationen zurück. Sie sind rechtlich und zivilisatorisch Amerikaner. Dennoch machen ethnische Minderheiten in den USA ähnliche Ausgrenzungserfahrungen, wie Migranten in Deutschland.  

Die Studierenden sind an der Hochschule in einer Gruppe für Diversitätsmanagement organisiert. Sie werden bei der Besetzung der Stellen von der Universitätsleitung aktiv miteinbezogen und dürfen bei der Gestaltung der Lehre, Lehrinhalte einbringen.  

Die Hochschule selbst war bis 1969 nur weißen Männern vorbehalten. Erst dann öffnete sie sich zunächst für Männer aus anderen ethnischen Gruppierungen und erst 1972 für Frauen. Heute leitet eine Präsidentin die Hochschule und etwa 30% der Studentenschaft sind ethnische Minoritäten zugehörig. Dennoch ist es in den USA ein Privileg der weißen Bevölkerungsgruppe zu studieren, was erst nach und nach durchbrochen wird.  

Ein System, das weniger Wert auf niedrigschwelligen Bildungszugang legt, wird Bildungsgerechtigkeit meines Erachtens auch nicht befördern. Private Stiftungen und Spenden ersetzen m.E. nicht eine Gerechtigkeitspolitik, die auf eine Überwindung von Armutsdisparitäten setzt und einen sozialen Aufstieg ermöglicht. Sensibilität für die Belange der ethnischen Minderheiten ist sicherlich ein erster Schritt angesichts der Herausforderungen einer inklusiven Gesellschaft. Den Zugang zu erleichtern wäre eine wichtige Grundvoraussetzung dafür.

Bei einem Abendessen mit Prof. Burkhard Henke, Prof. Scott Denham und Cathy Denham (Lehrerin) ging es um den Unterschied und die Gemeinsamkeiten des akademischen Systems, sowie politischen Gestaltungsmöglichkeiten und um die Bildungspolitik im Vergleich.

Die Heimfahrt fand bereits in dem einsetzenden Eisregen statt.

 

17.02.2015                                                          

  • Wanderung durch Redlair Forest Preserve Conservatory
  • Austausch über Naturschutz und internationale Politik mit  dem früheren Diplomaten Haywood Rankin

 

Den Tag verbringen wir in Redlair Forest Preserve Conservatory, wo es dem früheren Diplomaten Haywood Rankin im Laufe seines halben Lebens gelang, 450 ha Land und seltene Bäume zu schützen, und zu verhindern, dass Bauland entsteht. Einst haben hier Native Americans (Indianer) ihre Tipis aufgestellt, später wurde sehr viel abgeholzt, um Baumwolle, Mais und Soja anzubauen und um die Viehwirtschaft zu führen. Auch Sklaverei fand in der Region statt, wenn auch in geringerem Maße als in den Südstaaten. Heute hat die ehemalige Besitzerfamilie das Land der Regierung vermacht und aus den Verkaufserlösen eine Stiftung zur Wahrung der Umwelt und Natur gegründet.  

Da Haywood Rankin und seine Frau Sabine viele Jahre lang in verschiedenen Ländern Afrikas gelebt haben, haben wir auch lange über Flüchtlinge, Einwanderung, Religion und vieles mehr geredet. Der Abend dort hätte noch lange dauern können. Genügend Gesprächsstoff hatten wir.

 

18.02.2015

  • Seminar West-Europäische Politik mit Prof. Bes Ceka
  • Gespräch mit Prof. Bes Ceka und weiteren Lehrkräften der Hochschule zur aktuellen Lage in Balkan, Flüchtlingspolitik, Einwanderungspolitik
  • Seminar Lou Ortmayer Amerikanische Außenpolitik
  • Mittagsgespräch mit Gast- Studierenden aus Europäischen Staaten zu Transatlantischen Beziehungen Deutschland-USA

 

Den Vormittag verbrachten wir auf dem Campusgelände im Gespräch mit Lehrkräften und Studierenden. Der Anteil europäischer Lehrkräfte und Studierenden ist erstaunlich hoch. Die Studierenden sind sehr gut auf die Gespräche mit uns vorbereitet und stellen sachkundige Fragen zur Rolle Deutschlands in der internationalen Politik. Auch das aktuelle Zeitgeschehen ist im Lehrstoff sehr präsent.

Welche Position wird die deutsche Regierung gegenüber Putin vertreten und was sagen die Grünen dazu? Haben die Grünen ihre Kernthemen erhalten? Ist Wirtschaftspolitik für sie ein wichtiges Thema? Wie geht es weiter mit Griechenland? Diese und viele weitere Fragen prasselten heute auf uns ein.

45.000 Deutsche leben in Charlotte und Umgebung, 200 deutsche Firmen haben hier ihren nordamerikanischen Sitz. Mit etwa 30 von ihnen hatten wir intensive Diskussionen im Rahmen einer Veranstaltung organisiert durch den American Council on Germany unter Leitung des Honorarkonsuls Klaus E. Becker und Attorney at Law Albert E. Guarnieri. Die Themen waren bei dieser Runde mit Wirtschaftsvertretern natürlich wirtschaftspolitisch ausgerichtet: Energiepolitik, Handelspolitik, Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, Immigration, Charlie Hebdo und Integrationsspolitik in Europa.

The American Council on Germany (ACG) ist eine nichtstaatliche Organisation (NGO), welche mit dem Council on Foreign Relations affiliiert ist. Der Amerikanische Rat für Deutschland wurde 1952 gleichzeitig mit seiner deutschen Schwesterorganisation, der Atlantik-Brücke e.V., als private Non-Profit-Organisation gegründet, um das deutsch-amerikanische Verständnis nach dem Zweiten Weltkrieg zu fördern.

Heute umfasst der American Council on Germany 800 Mitglieder aus Wirtschaft, Politik und Medien sowie juristischen und akademischen Bereichen von beiden Seiten des Atlantiks. Mehr dazu unter http://www.acgusa.org

 

19.02.2015

  • Besuch der privaten Woodlawnschule, Gespräche mit den Lehrkräften
  • Seminar zu Umweltpolitik mit Prof. Graham Bullock
  • Seminar Wirtschaftsdeutsch mit Prof. Scott Denham
  • Abendempfang der Präsidentin der Hochschule Carol Quillen
  • Öffentliche Veranstaltung unter der Leitung von Prof. Bes Ceka zu internationaler Politik und Zeitgeschichte

 

Heute begannen wir unseren Tag mit dem Besuch der Privatschule Woodlawn und bekamen eine sehr gute Führung von der Lehrerin Cathy Denham.  

Interessant war die Diskussion darüber, aus welchen Gründen sich Eltern für eine Privatschule entscheiden: Hierzu zählt, ähnlich wie in Deutschland, nicht nur eine fundierte Bildung, sondern auch das Profil der Schule und die langen Betreuungszeiten sowie der Fokus auf den Wert einer ökologischen Erziehung.

Den Nachmittag haben wir wieder an der Hochschule in Davidson verbracht. Zunächst im Seminar zu Umweltpolitik von Prof. Graham Bullock, wo uns ein Rollenspiel zu Prozessen in den USA erwartete. Als Teil des Seminars durften wir das aus deutscher Sicht bewerten.

Dann ging es weiter mit dem Seminar "German Economics and Policy" mit Prof. Scott Denham. Die Studierenden sind in der deutschen Sprache sehr fortgeschritten, wobei die Gründe dafür vielfältig sind. Viele von ihnen streben einen Aufenthalt in Deutschland an oder haben bereits einen oder mehrere hinter sich. Außerdem gelten in den USA ansässige deutsche Firmen als sehr beliebte Arbeitgeber. Auch die deutschen Wurzeln werden mehrfach als Grund für den Spracherwerb betont.

Der Empfang bei der Präsidentin der Hochschule ist sowohl meine Gelegenheit sich vertieft mit den Dozenten und einigen ausgewählten Studierenden zu unterhalten, als auch den Dank für die Einladung auszusprechen.

Nach dem Empfang geht es weiter mit einer öffentlichen Podiumsveranstaltung, die von der Politikfakultät und den Sprachwissenschaftlern veranstaltet wird. Die Themen drehen sich um die aktuelle Politik, Griechenland, Ukraine, die Rolle der Pegida in Deutschland, die Zukunft der Nato, Flüchtlingspolitik, die Zukunft der Demokratie in Europa u.v.m. Unter der Leitung von Prof. Bes Ceka werden wir fachkundig durch die Themen geleitet und befragt. Es ist sehr erstaunlich wie intensiv die deutsche Presse, insbesondere die Tageszeitungen, hier wahrgenommen wird.

 

20.02.2015

  • Besuch der öffentlichen Mittelschule Forestview High School, Gastonia
  • Gespräch mit dem Rektor und weiteren Lehrkräften
  • Führung durch das Gebäude
  • Besuch der Deutschklasse von Sabine Rankin, Deutschlehrerin
  • Abflug

 

Den letzten Tag verbringen wir in einer öffentlichen Schule in der Nachbarregion.

Die Schule hat etwa 1000 Schülerinnen und Schüler. Drogen, Kriminalität und Armut sind auf der Tagesordnung, obwohl die Region per se eine eher niedrige Arbeitslosigkeit hat. Bereits beim Betreten der Schule fallen die hohen Sicherheitsbestimmungen auf. Die SchülerInnen werden zunächst durch einen Metalldetektor geleitet. Besucher müssen sich mit Lichtbildausweis ausweisen und werden durch ein Foto registriert.

In der Aula der Schule sind permanent bewaffnete Polizisten in Schutzwesten anwesend. Der Rektor überwacht persönlich die Mittagspause in der Aula, wo sich auch die Mensa befindet. Die SchülerInnen haben bis 15:15 Uhr Unterricht und bekommen in der Regel für 2,50 Dollar ein Essen. SchülerInnen aus Familien mit geringem Einkommen, bekommen das Essen kostenlos. Damit nicht ersichtlich ist, wer bezahlt, erhalten die Schüler über einen Code Eingang zum Mensabereich, welcher zugleich der Abbuchung von einem Prepaid-Konto dient.

Die Klassen werden mit in der Regel unter 15 Schülerinnen und Schüler sehr klein gehalten. In der Oberstufe müssen sie sich für unterschiedliche Zweige wie Handwerk, Sprachen, Naturwissenschaften entscheiden. Die Deutschklasse hat drei Leistungsstufen, die gemeinsam unterrichtet werden. Das ist für die Deutschlehrerin eine Herausforderung, aber auch ein Vorteil für pädagogische Lernkonzepte des Miteinander lernens.

Der Einsatz von „Whiteboards“ mit Internetanschluss ist in allen Klassenzimmern Standard. Auch die persönlichen Mobilgeräte der Schülerinnen und Schüler werden in den Unterricht mit eingebaut, wobei die private Nutzung nicht erlaubt wird.

Die Lehrkräfte erklären, dass die meisten Schülerinnen und Schüler aus der Mittelschicht kommen, jedoch die wenigsten eine Hochschule besuchen und sie stattdessen sehr viel Wert auf die Berufsvorbereitung legen. Außerdem erfahre ich in dem Gespräch, dass einige der Lehrkräfte einen Zweitjob haben müssen, um ihre Familie zu ernähren; Zum Beispiel als Verkäuferinnen am Wochenende oder als Bedienung im Restaurant. Die Angestelltenverträge werden von Jahr zu Jahr neu ausgestellt und gelten daher als nicht besonders zuverlässig. Wie in allen amerikanischen Institutionen üblich, wird auch hier viel Wert auf eine anonyme Bewertung gelegt. Die Schüler und Eltern bewerten ihre Lehrkräfte, was durchaus in einzelnen Fällen zu Beendigung des Vertrages führen kann.

Stolz hängt deshalb gleich über dem Eingangsbereich, dass der Rektor zum beliebtesten Rektor der Region ausgezeichnet wurde. Die Lehrerin für englische Literatur erzählt mir dagegen, dass sie von zu schwieriger Literatur Abstand hält, um ihre Bewertung nicht zu gefährden. Sie unterrichtet aber Zeitgleich auch als Professorin an der nächsten Hochschule, da ihr sonst das Geld nicht zur Bezahlung ihres Lebensunterhalts reichen würde: „Because I am poor.“, sagte sie mir.

Mit vielen Eindrücken und Erfahrungen fahre ich zurück zum Flughafen. Was bleibt?

Ich bin erstaunt, wie groß das Interesse an europäischer Politik und die Verbundenheit zu Europa ist. Das Niveau in den Bildungseinrichtungen ist sehr hoch. Das System setzt stark auf privates Kapital, sowohl der Eltern, der Stifter aber auch der Spenden, weshalb sie sich auch immer im Wettbewerb zueinander befinden. Das setzt Maßstäbe für Leistung.

Die transatlantische Zusammenarbeit ist primär über die wirtschaftliche Verbindung geprägt und es erfordert sehr viel Mut mit amerikanischen und deutschen Unternehmen kritisch über TTIP zu diskutieren. Die Diskussionskultur wiederum ist angenehm und sachorientiert.

Das Thema "Alltagsrassismus" ist sehr präsent. Obwohl wir in einer „Post-racist-Ära" sind, ist es gegenwärtig. Manche Debatten in Deutschland finden hier auf der gleichen Ebene, völlig unabhängig voneinander und trotz anderer historischer Bezüge, statt. Ein Thema, dass wir gemeinsam angehen sollten und das uns zusammenschweißt.

Ekin Deligöz