REISE BUNDESPRÄSIDENT IN DIE VOLKSREPUBLIK CHINA DEZEMBER 2018 - Mein Reisetagebuch

07 Dezember 2018

4/5 Dezember in der Provinz Guangdong/ Kanton

Europa und China haben in vielen Punkten gemeinsame Interesse und sind aufeinander angewiesen. Eine stabile Weltwirtschaft ist im Interesse beider Exportwirtschaften. Deshalb ist es von unserem Interesse China auch als Wirtschaftspartner zugewinnen. So eine Partnerschaft kann an aber nur auf gegenseitiges Vertrauen aufbauen.

Wir haben ein gemeinsames Interesse  den drohenden Einbruch der Weltwirtschaft, gefördert durch Trumps Wirtschaftskrieg, durch Investitionen entgegenzuwirken. Doch dies geht nur auf der Grundlage von Reziprozität und auf der Basis globaler Standards. Wer wie Xi Jinping offene Märkte fordert, muss auch seinen eigenen Markt für Investitionen öffnen. Offene Märkte sind keine Einbahnstraße. Sie werden auch durch Zensur im Internet und das Verbot, eigenes Know-How aus China zurück nach Europa zu bringen, in Frage gestellt. Offene Märkte und ein High-Tech-Überwachungsstaat gehen nicht zusammen.

Europa darf nicht ängstlich auf die „Belt and Road Initiative“ (BRI) Chinas starren. Sie offenbart nur, dass Europa bis heute keine gemeinsame Strategie hat, dem Infrastruktur-Investitionsbedarf in Zentralasien, Afrika und in der EU selbst zu begegnen. Umgekehrt muss China lernen, dass Investitionen nur dann nachhaltig wirken, wenn sie mit Good Governance verbunden sind. Dies gilt auch beim Klimaschutz. Im eigenen Land zum Vorreiter für Erneuerbare Energien zu werden und über die BRI massenhaft Kohlekraftwerke zu exportieren, geht nicht zusammen.

Wer sich wie China zum Multilateralismus bekennt, muss auch die universalen Menschenrechte respektieren. Mit ihnen ist ein Vorgehen wie in Xinjiang, wo Hunderttausende in Umerziehungslagern inhaftiert wurden, nicht vereinbar. Die Unterdrückung von Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen in China ist nicht akzeptabel.

Diese Grundbedingungen vorausgesetzt startet die Delegation mit den Vertretern der Wissenschaft und Forschung, Digitalisierung und jungen Unternehmern die Reise nach China.

Die erste Etappe der Reise führt nach Kanton . Eine Region so groß wie Spanien mit doppelt so vielen Einwohnern, Wie dicht die Region besiedelt ist, bemerken wir schon bei dem Anflug auf den Flughafen. Die Region verfügt über gute Verkehrsinfrastruktur, eingerahmt durch die großen Häfen, Landwege und einer beachtlichen Investition in die Schiene und schnelle Bahnverbindungen.

Wie sehr die Region am Wachsen und neu investieren ist, steht auch im Mittelpunkt der Gespräche mit den örtlichen politischen Führungskräften.

Schon sehr früh wird es klar, dass viele im Land am Nachholen von materiellen Konsumbedürfnissen sind. Der Aufschwung der letzten Jahre führt zum besseren Einkommen und zum Aufbau von Wohlstand.

Es ist es sehr auffällig, wie leer die Straßen der  Stadt , die immerhin 15 Mio Einwohner verzeichnet, ist. Zum einen sind die Straßen gesperrt für die Durchfahrt der Deutschen Delagtion,  anderen ist  der Tagesablauf der Bewohner im höchsten grad durchorganisiert und in strickte  Arbeitsstrukturen eingeteilt. Wir erfahren auch, dass ehemalige Landarbeiter, die als solche in der Städtischen Ordnung aus den Arbeitsstrukturen rausfallen, in die Pflege der Landschaft  und Grünflächen zugeordnet werden. Auch das macht sich im Straßenbild bemerkbar. Alle Grünflächen sind im höchsten Grade gepflegt.

Der Focus in den offiziellen Gesprächen konzentriert sich auf Außenhandel, Investitionen, Rolle der Deutschen Unternehmen in Fertigung und Produktion in China. Zunehmend wächst auch das Interesse an der wissenschaftliche Kooperation als auch an Entwicklung technischer Innovationszusammenarbeit. Deutsche Universitäten sind überall bekannt und begehrte Partner. Berufliche Ausbildungsmodeele in Deutschland entwicklen sich zu einem Importgut. Aber auch Zusammenarbeit in Kultur , Tourismus und Sport werden in der Liste aufgezählt.

Bei Gesprächen erfahre ich, dass Jährlich 800 000 Deutsche nach China einreisen. Allerdings ein Bruchteil davon als Touristen. Der größte Teil der Einreisenden sind Geschäftsreisende.

Bei den Tischgesrächen, werde ich von meinem Chinesischen Sitznachbar, der der örtliche Gouverneur  der Provinz ist,  intensiv zum Sozialsystem Deutschlands ausgefragt. Ich erfahre dabei, dass auch diese Region ein Überalterungsproblem hat. Renteneintrittsalter in China beträgt 55 bei Frauen und 60 bei Männern. Gleichzeitig lassen sich die Konsequenzen der „Ein Kind Politik“ bemerkbar machen. Das Bedeutet sowohl Druck auf die soziale Sicherung im Alter, als auch die mehrfach Belastung der mittleren Generationen, die bei dem wirtschaftlichen Aufschwung, als Arbeitskräfte gebraucht werden. Themen wie Pflege, Kinderbetreuung und soziale Care- Aufgaben, sind im Moment noch der privaten Organisation der Familien überlassen. Insbesondere Kinder wachsen im Moment noch unter der Betreuung der Großeltern auf. Zeitgleich steigt die Anzahl der Internate und Day-Care Einrichtungen.

Bei der Ausbildung wird verstärkt in die Universitäre Ausbildung investiert. In allen Metropolen entstehen neue Campusanlagen mit Investitionen in angewandte Lernmethoden.  Im Deutsch -Chinesischen Zentrum in Zhongshan sollen 1000 Schüler in sechs Berufen nach dem Modell des  Dualen Bildungsmodells ausgebildet werden. Im Moment sind 300 Schüler an den Werkbänken, mit dem Schwerpunkt Mechatronik und automatisierte Fertigungstechnik. Der wesentliche Unterschied ist,  praktische Ausbildung findet vorwiegend in der Schule statt mit kleineren Praktika in den Betrieben. Außenhandelskammer ist in enger Begleitung der Zertifizierung.

Im Anschließenden Gespräch in der Robotaition Academy können wir uns von dem Gründergeist und Innovationsideen der Unternehmen überzeugen. Die technische Entwicklung ist von einer unheimlichen Dynamik gekennzeichnet. Bei aller Begeisterung für die technische Entwicklung, bleiben uns die Gesprächspartner Antworten auf die Fragen, nach ökologischer Verantwortung, ethnisch verantwortlichem Unternehmertum, Umgang mit Datenschutz und knappen Ressourcen schuldig.

Später erfahre ich bei bilateralen Gesprächen, off the Record, dass sehr wohl ein Bewusstsein in diesen Fragen wächst. Zum Beispiel gibt sich die Bezirksregierung selber Auflagen für Ihre Jahresziele die Luftqualitätswert in den Städten zu verbessern, aber gesprochen wird darüber nicht öffentlich. Gleichzeitig ist es ein offensichtliches Problem, dass die Atemwegserkrankungen zunehmen. Auch das Wort Umweltschutz fällt durchaus am Rande, wenn auch sehr Zaghaft.

An andere Stelle erfahre ich, dass es zum Geschäftsgebaren gehört, dass Jährlich 10 Prozent der Mitarbeiter in den Unternehmen entlassen werden, um die Leistungen der anderen Mitarbeiter auf dem hohen Niveau zu halten und Druck darauf auszuüben.

Meine Frage nach Wechsel in der Unternehmenskultur, durch bessere Qualifizierung der Mitarbeiter und entsprechenden Erwartungen, die erwachsen, bleibt unbeantwortet.

In einer wachsenden Wirtschaftsstruktur, mit besser qualifizierten Mitarbeitern und auch den von denUnternehmern beklagtem  Fachkräftemangel, werden solche Unternehmenskulturen nicht mehr zu halten sein. Aber noch wird niemand damit konfrontiert. Zumal die Tendenz dahin geht, den Anteil der Arbeitnehmer durch Automatisierung zu reduzieren. Oder wie ein Unternehmer, der sich auf Bildschirmproduktion spezialisiert hat berichtet. ‘ Der Mensch wird ein störendes Element in dem hochsensiblen Produktionsprozess » .

Hier in der Region werden 50 % der Klimaanlagen und Kühlschränke weltweit produziert. Hergestellt werden ausserdem, Textilien, Keramik, Elektronik, Baumaterialien, Pharmazeutika und Nahrungsmittel. Deutschland ist der wichtigste Partner in Europa, Die Deutsche Wirtschaft ist mit ca. 600 Unternehmen vertreten, 52% davon sind produzierendes Gewerk, 48% Dienstleister und Repräsentanzbüros. Es sind nicht nur die Großunternehmen, wie Siemens und VW , die hier vertreten sind, sondern auch mittelständische Unternehmen präsent und erfolgreich.

Aus dem Kanton oder Provinz Guangdong, wie es hier heisst sind über 20 Mio Menschen überall in die Welt ausgehandelt, deshalb ist auch die Kantonesische Küche im Ausland so bekannt und die Sprachekoloration verbreitet.

Noch unentschieden darüber, ob China die Rolle der „ Werkbank“ in der Globalen Wirtschaft einnimmt oder  bereits und in den innovativen Entwicklungen überholt und zurücklässt.

Das wird sich sicher in den nächsten Tagen weiter verdeutlichen.