Freitag, 13. März 2015

 

An unserem zweiten Tag setze sich die Intensivität der Gespräche fort. Bei einem Treffen mit Herrn Vartan Oskanian, ehemaliger Außenminister und Abgeordneter der Nationalversammlung, erfuhren wir sehr viel über die Arbeit der eher marginalisierten Opposition. Die Entwicklung Armeniens zur Demokratie muss noch einige Hürden überwinden. Der Mediensektor ist staatlich dominiert und wenig pluralistisch. Es überrascht mich, dass unsere Gesprächspartner den Einfluss Russlands auf die Innenpolitik und politische Strategie des Landes für gering und vernachlässigbar halten. 

Diesem Widersprechen unsere nächsten Gesprächspartner massiv: Open Society Institute, Larisa Minasyan,Yerevan Press Club, Boris Navardasadyan, EU-Delegation Yerevan, Dr. Dirk Lorenz, Caucasus Institute, Alexander Iskandaryan DVV International, Yerevan Office, Lusine Kharatyan.

In ihren Augen fehlt es nicht nur an einer durchschlagskräftigen Opposition, sondern auch an einer kritischen Presse und auch die Menschenrechtslage sei sehr durchwachsen. Freie Meinungsäußerung sei nur eingeschränkt möglich. Die kritischen Stimmen werden kaum gesendet und noch weniger wahrgenommen. Der Einfluss Russlands wird als lähmend und massiv beschrieben. In der Tat bestätigen sie das, was wir am Tag zuvor auch aus den Gesprächen vernommen hatten. Etwa 60 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen kommen aus Russland, bis zu zwei Millionen Armenier leben und arbeiten in Russland. In Armenien sind 8000 russische Soldaten stationiert, um Armenien bei der Grenzsicherung zu unterstützen. Energieversorgung und Gasnetzwerke sind fest in russischer Hand. Russisch wird noch immer in der Bevölkerung weitgehend als Zweitsprache gesprochen - der Austausch zwischen beiden Nationen ist rege.

Hier erfahren wir auch, dass es durchaus Druck aus Russland gab, als das europäisch-armenische Assoziationsabkommen kurz vor der Unterschrift stand. Wenn auch nach außen nur symbolisch wahrgenommen, durch den Besuch Putins in Aserbaidschan.

Bei allen unseren Gesprächspartnern nehme ich persönlich den Eindruck einer gewissen Frustration und Ausweglosigkeit wahr. Als es um den Beitritt Armeniens in den Euro-Asiatischen Bund (Euroasianunion) geht, lautet ein Kommentar zB: „There is no Euro- no Asian- no Union“ „We don’t expect anything from it“.

In der Tat ist die geografische Lage Armeniens nicht ganz einfach zu bezeichnen. Ich erfahre auch, dass die Region eine der höchsten Waffendichten der Welt besitzt. Mir erscheint es wie ein Wollknäuel voller Knoten, an dem man sich scheut, an einer Stelle zu ziehen, da sich dann die Knoten noch stärker verfestigen könnten.

Als ich meine Reise nach Armenien antrat, erwartete ich eine Reise in die historische Auseinandersetzung mit dem Völkermord und Erinnerungskultur und deren Auswirkungen auf die Gegenwart. In der Tat war der Gang zu dem Denkmal des Genozids voller Emotionen und der Last um die Verantwortung für mich persönlich. Ich erfahre aber in den Gesprächen um die Komplexität der Situation für die in der Region lebenden Menschen. So erklärt es sich  auch, dass es als Affront wahrgenommen wird, dass Ankara zu einem Gedenktag am 24. April, am 100. Gendenktag des Völkermords an Armeniern, internationale Staatsvertreter nach Canakkale, Gallipoli einlädt. Bei der sogenannten „Dardanellen Schlacht“ wurde die Besetzung der Halbinsel um Canakkale um die osmanische Hauptstadt Konstantinopel zu ergreifen, zurückgewiesen. Beide Seiten verloren geschätzte 350 000 Soldaten. Diese Schlacht ging als Sieg des Osmanischen Reiches in die Geschichtsbücher. Doch es wird auch davon ausgegangen, dass es eine Gedenkveranstaltung vor allem der zivilgesellschaftlichen Organisationen am Taksim Platz in Istanbul geben wird.

An diesem Gedenktag wird auch Armenien internationale Gäste einladen. Bisher hat nur Präsident Hollande sein Kommen bestätigt. Wer aus Deutschland kommt, steht zu diesem Zeitpunkt nicht fest. Es wird aber daran gearbeitet, an diesem Tag im Bundestag eine Debatte stattfinden zu lassen.

Noch am selben Vormittag erreicht uns eine weitere, kurzfristige Einladung. Der Außenminister Edward Nalbandian empfängt uns im Auswärtigem Amt. Von ihm werden wir über die Planungen zum Gedenktag im April informiert, über die Gespräche und Verhandlungen mit der EU ebenso über die Verhandlungen zwischen der Türkei und Armenien.

Nach einer kurzen Umzugspause setzen wir unsere Reise mit einer Projektbesichtigung organisiert durch WWF Armenien fort.

Unter der Leitung von Matthias Lichtenberger Mr. (seit dem 17. Oktober 2012), International Project Leader, EU ENRTP Caucasus Project (Permanent Position: Caucasus Programme Officer, WWF-Germany - stationed at WWF-Armenia, Yerevan, Armenia) starten wir unsere Reise Richtung Süden.

Bereits auf der Fahrt erfahren wir einiges über Flora und Fauna und die bedrohten Tierarten in der Region. Wir bekommen eine Einführung in die Topografie des Landes und in die Projekte der WWF, die aus Deutschland und von der Europäischen Union finanziert werden. Der Kaukasus gilt als eine der Schwerpunktregionen der WWF Deutschland. So kommt es, dass der Projektleiter in Berlin angesiedelt ist. Angekommen in der Noravank Schlucht erwartet uns eine Delegation von Wildhütern und der Bürgermeister. Wir können in einer der Höhlen ein traditionelles armenisches Mahl zu uns nehmen. Die am Vorabend erlernten Tischsitten helfen uns sehr bei der Kommunikation. Dazu gehört z.B., dass ohne einen Toast ausgesprochen zu haben nicht getrunken wird und der dritte Toast immer den Frauen gewidmet wird, bei dem dann die Herren aufstehen müssen. Armenien feiert zwischen dem 8. März und dem 7.April den Frauenmonat. Selbst in den entlegensten Dörfern wird dieser Brauch eingehalten. Mit einem Schmunzeln sei hier erwähnt, dass die deutschen Frauen etwas irritiert sind, wenn ständig auf ihre Schönheit und Anmut getrunken wird, mit einer kritischen Nachfrage aber den Gastgeber auch nicht brüskieren wollten..  

Sowohl die Erhaltung von landestypischen touristischen Orten als auch die Förderung der Herstellung von regionalen Naturprojekten sind ein Teil des WWF Projektes. So wird in einem nachhaltigen Ansatz die Mikrowirtschaft gefördert. Im Gegenzug wird die Sensibilität der Bevölkerung gegenüber einem verantwortungsvollem Umgang mit Tier und Natur eingefordert. Konkret gehören zu diesen Ideen, z.B. die Entwicklung eines regionalen Labels für Naturprodukte (Öle, Honig, Marmelade u.v.m.) und deren Vermarktung, die Anbringung von Schutzzäunen um landwirtschaftliche Bebauungsgebiete, um die Ernte zu schützen, aber gleichzeitig auch den Abschuss von Bären, Wölfen und Wildschweinen durch die Landbevölkerung zu vermeiden.

Die Wildhüter kennen sich im Gelände sehr gut aus und können uns immer wieder auf bedrohte Steinbockherden aufmerksam machen. Bei einer Wanderung können wir uns selbst nicht nur von historischen Orten wie dem Kloster Noravank sondern auch von der Vielfalt der Fauna in der Region ein Bild verschaffen.

Der WWF gründete bereits 1992 ein Projektbüro in Georgiens Hauptstadt Tiflis. Es folgten Büros in den Hauptstädten Aserbaidschans (Baku) und Armeniens (Jerewan). Zusammen mit den türkischen und russischen Büros entstand somit ein grenzübergreifendes WWF-Netzwerk für die Koordinierung der Naturschutzprojekte.

So konnte auch in den Folgejahren ein Netz von Schutzgebieten aufgebaut werden. Heute bieten sie sichere Rückzugsgebiete für viele vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig schaffen sie alternative Einkommensquellen für die Bevölkerung (Tourismus, Schutzgebietsverwaltungen, etc.). Als erster Nationalpark im Kaukasus wurde im April 2001 der 76 000 Hektar große Borjomi-Kharagauli-Nationalpark eingeweiht. Das Modellprojekt wurde mit finanzieller Unterstützung der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) eingerichtet.

Mit dem Aufbau und der Ausbildung von Anti-Wilderer-Brigaden und Forstpersonal versucht der WWF die Wilderei einzudämmen, um bedrohten Tieren, wie dem Kaukasus-Leopard und dem Braunbären, das Überleben zu sichern und eine nachhaltige Waldwirtschaft zu fördern. Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit sind weitere Schwerpunkte der WWF-Arbeit, da die lokale Bevölkerung erst für die Belange des Natur- und Umweltschutzes sensibilisiert werden muss.

Im März 2006 wurde mit finanzieller Hilfe der KfW und der MacArthur-Foundation ein Ökoregionaler Naturschutzplan für den Kaukasus (ECP) erstellt. Dieser beinhaltet eine umfangreiche Datengrundlage über die biologische Vielfalt der Kaukasus Region und zeigt Strategien auf, diese Vielfalt für zukünftige Generationen zu erhalten und nachhaltig zu nutzen. Er ist somit ein Masterplan, sowohl für laufende und zukünftige Naturschutzprojekte, als auch für eine nachhaltige Entwicklung der Region. Den Regierungen der Kaukasusländer bietet der ECP die Möglichkeit, ihre Verpflichtungen umzusetzen, die sie mit Unterzeichnung des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt (CBD) eingegangen sind.

Im Frühjahr 2006 initiierte der WWF und die KfW unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die erste Kaukasus-Umweltministerkonferenz in Berlin. Dort wurde der Ökoregionale Naturschutzplan von den Ministern als Masterplan für die Umsetzung der CBD-Ziele (CBD=Convention on Biological Diversity) im Kaukasus befürwortet. Gleichzeitig wurde mit Hilfe der deutschen Regierung, des WWF und Conservation International ein gemeinsamer Naturschutzfonds eingerichtet, der die Länder des Südkaukasus beim Aufbau und dem Erhalt ihres Schutzgebietsnetzes unterstützt.

Dort leben noch Luchs, Braunbär und Wolf sowie Kaukasischer Steinbock, West- und Ostkaukasischer Tur, Bezoarziege, Wisent und Kropfgazelle. Auch Leoparden und Streifenhyänen gibt es noch vereinzelt, allerdings sind sie stark vom Aussterben bedroht. So leben schätzungsweise nur noch 40 bis 60 Kaukasische Leoparden in der Region, denen durch die Ausweisung von Schutzgebieten und den Aufbau von Anti-Wilderer-Einheiten geholfen werden soll. Viele der Tier- und Pflanzenarten sind endemisch, das heißt, sie kommen sonst nirgends auf der Welt vor.

Der Tag geht mit der Besteigung des Klosters Khor Virap zu Ende. Während die Sonne hinter dem 5137m hohen Vulkan Ararat untergeht, blicke ich etwas schwermütig über die Grenze zur Türkei. Wir gehen die Gesänge der regionalen Musiker durch den Kopf, die auf beiden Seiten ihren „Kaval“ zum Singen bringen, die Dichter, die in ihren Gedichten auf armenisch und türkisch die Landschaft um diesen Berg beschreiben. „Memet mein Falke“ von Yasar Kemal könnte auch in auf den Hängen dieses Berges spielen. Kunst und Literatur überwindet Grenzen, zu denen die Diplomatie offensichtlich nicht immer in der Lage ist. Von einer Öffnung der Grenzen würden die Bewohner auf beiden Seiten nicht nur wirtschaftlich profitieren.

Zurück im Hotel holt uns die Realität aus den Fängen der Natur wieder ein. Bei einem Gespräch mit LGBT-Vertretern (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) in Armenien, organisiert durch die Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Projekt Solidarity Network for LGBTI in Armenia and Georgia, der Armenia Society Without Violence (SWV, Public Information and Need of Knowledge (PINK) und der NGO New Generation erfahren wir viel über Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung.

Die persönlichen Erfahrungen dieser Menschen, die bis hin zu Gewalt gehen, sind ergreifend. Sie wünschen sich eine stärkere Annäherung nach Europa. Sie erhoffen sich von Europa das, wofür es eigentlich steht, eine Wertegesellschaft. Es ist gut zu hören, dass diese Idee nicht nur auf wirtschaftliche Erwartungen reduziert wird.

Ich danke an dieser Stelle allen die diese kurze aber lehrreiche Reise ermöglicht haben. Es erfordert Mut und Verantwortungsbewusstsein von Cem Özdemir und mir, diese Zeichen für ein besseres Völkerverständnis in Armenien zu setzen. Die beleidigenden, heftigen Reaktionen auf Postings auf unseren Facebookseiten bestätigen: es war richtig.

Ein Mandat bedeutet eben auch Verantwortung für die künftigen Generationen zu übernehmen.