Donnerstag, 12. März 2015

 

  • Mittags: Treffen mit den Alumni der Heinrich- Böll –Stiftung (HBS), organisiert durch die HBS in Tiflis; Gespräche über den Stand der historischen Aufbereitung des Völkermords, die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien heute und die politische Lage in der Region. Die Sitzung wird geleitet durch Nino Lejava, der Leiterin der HBS.
  •  Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sitzung sind:

Hovhannes Hovhannissyan, Executive Director, Socil and Cultural Innovation, Associated Professor Yerevan State, and Cultural Innovation Lab (SKIL); Associated Professor, Yerevan State University

Lusine Kharatyan, Head of Branch Office/National Coordinator, DVV International

Satenik Mkrtchyan, PhD Student, Researcher, Center for Civilization and Cultural Studies, YSU

Isabella Sargsyan, Program Director for Human Rights and Armenia-Azerbaijan Dialogue Projects, Eurasia Partnership Foundation Armenia

Mikael Zolian, Historian, Political Analyst, Regional Studies Centre

Unsere Gesprächspartner zeigen uns Licht und Schatten des zivilgesellschaftlichen Lebens in Armenien auf. Im Land selbst leben knapp drei Millionen Menschen, außerhalb Armeniens nahezu 10 Millionen. Das führt dazu, dass der Einfluss der Exil-Armenier im Land sehr groß ist, es aber dadurch auch stark beeinträchtigt ist. Während sich insbesondere die Jugend Europa sehr verbunden fühlt und viele von ihnen Kontakte dorthin haben, anstreben, dort zu studieren, zu lernen oder es zumindest zu bereisen und sehr viel aus der europäischen Kultur und Wertehaltung in ihr tägliches Leben adaptieren, ist die Haltung der politischen Entscheider sehr viel eingeschränkter. Die geschlossenen Grenzen nach Aserbaidschan und in die Türkei, der Konflikt im Irak und die nicht zugänglichen Handelswege in den Westen erzwingen geradezu eine Ausrichtung nach Russland. Georgien ist auf dem Landweg die einzige Reisemöglichkeit ins Ausland.

 

Dennoch findet auch in der Zivilgesellschaft ein reger Austausch mit anderen Ländern statt. Heute erfahre ich zum Beispiel, dass trotz der geschlossenen Grenzen im Sommer regelmäßig Flüge in die Urlaubsregionen der Türkei stattfinden. Zweimal in der Woche gibt es einen Direktflug nach Istanbul, allerdings sind die Flugtickets nicht auf dem freien Markt zu erwerben und vor allem Geschäftsreisenden vorbehalten. So kommt es auch, dass türkische Waren durchaus auf dem Markt zu finden sind und der Handel in den letzten Jahren zunimmt. Auch ein Austausch von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Jungendkontaktinitiativen und eine gemeinsame Befassung mit der Geschichte und Gegenwart sind, vor allem assistiert durch die Stiftungen vorhanden. Natürlich nicht offiziell. Eine der Teilnehmerinnen betont sehr eindrücklich, dass ihr zarter Versuch der Annäherung leider nicht besonders nachhaltig und kulturverändert wirken kann, solange es keine offizielle Unterstützung dafür gibt. Vor allem die vielen bürokratischen und politischen Hürden sind hinderlich. Selbst wenn sich die Bevölkerung Armeniens längst sowohl eine Annäherung als auch eine Öffnung der Grenzen wünscht, für Auslandsarmenier gelten Prinzipien, die das ausdrücklich ausschließen. Der Grund für die starke Stellung der Auslandarmenier beruht vor allem auch darauf, dass 50 Prozent des Einkommens im Land aus den Überweisungen der Auslandsarmenier an ihre Familienmitgliedern besteht.

 

Aus dieser Sitzung geht es zu einer Gesprächsrunde - auf Wunsch der Delegation zu Fuß, durch die Stadt in das Gebäude der ProCredit Bank Armenia. Dem Grunde nach ist in Jerewan alles im Stadtzentrum fußläufig erreichbar. Dennoch gehören auch hier Autos zum Stadtbild. Erstaunlich ist, dass neben sehr alten Kleinwägen auch zahlreiche große (teure) Autos, insbesondere deutsche Marken (BMW X5, Porsche, Audi A8- die wenigen, die ich wiedergeben kann) präsent sind. Mir drängt sich die Frage auf, wem diese Autos wohl gehören, denn das Durchschnittseinkommen in Armenien wird dieses Auto nicht finanzieren können. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen betrug im Jahre 2004 durchschnittlich 790 Dollar. Im Jahr 2005 betrugen die Steuer- und Zolleinnahmen 304 Milliarden Dram (680 Mio. US Dollar). Trotzdem machen die Einnahmen nur 14,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus – im internationalen Vergleich ein niedriger Wert. Die Landwirtschaft setzt vor allem auf den Anbau von Obst und Gemüse, sowie Tabak. Die Wirtschaft des Landes basiert auf der Nutzung der Rohstoffe Kupfer, Bauxit, Gold und Molybdän. Die Energieversorgung beruht nur zu einem kleinen Teil auf den heimischen Wasserkraftwerken am Hrasdan, dem Abfluss des Sewansees, der Großteil der Stromversorgung (rund 39 Prozent) wird durch das Kernkraftwerk Mezamor sichergestellt.

 

Mit unseren Gesprächspartnern Mger Poloskov, Head of Corporate Operations Cronimet, Thies Clemens, Leiter HSBC Armenien, Avtandil Gogoli, Leiter der ProCredit Bank Armenien, Zara Chatinyan, KfW, Cornelia Skokov, Leiterin Wirtschaftsvorhaben GIZ-Büro Armenien, Patrick Jung, Deutsche Wirtschaftsvereinigung Armenien analysieren wir genau diese Situation. Das Investitionsklima und die Rechtsbasis hat bereits ein Niveau erreicht, mit dem westliche Investoren zu gewinnen sind. Es bestehen inzwischen mehrere bedeutende Investitionsprojekte durch Deutschland, den USA, Frankreich, China, Iran und Japan. Russland bleibt weiterhin einer der zentralen Wirtschaftspartner. Die wichtigsten Industriezweige Armeniens sind der Maschinenbau, die chemische Industrie sowie die Textil-, Metall-, Nahrungsmittel- und Aluminiumindustrie. Auf unsere Frage hin, was die Armenier an erster Stelle voranbringen müsste, erreicht uns unisono die Antwort: Zuverlässigkeit im politischen System, mehr Wettbewerb und das Durchbrechen von monopolitischen Staatsstrukturen, die aktive Bekämpfung der Korruption, aktive Wirtschaftsförderung, Öffnung der Grenzen zu den Nachbarstaaten, insbesondere für den Handel und die Sicherung der Handelswege. Nicht zuletzt wird betont, dass ein wirtschaftspolitischer Förderplan, insbesondere für die landwirtschaftliche Produktion notwendig wäre.

 

Bekannt ist Armenien schon heute für ihre Cognac-Herstellung und die guten Rotweine, wie wir bei der Abendveranstaltung der Deutschen Botschaft in Jerewan lernen. Die Botschaft hat an diesem Abend zu einer Vernissage der Ausstellung „Art+X“ mit Weinverkostung eingeladen. Damit bringt die Botschaft vieles auf eine angenehme Weise zusammen. Der Abend dient nicht nur den Genüssen der Kunst und Verkostung, sondern auch der Information. Die Präsentation der GIZ-Wirtschaftsfördervorhaben sowie der Weinstudiengang der EVN-Weinakademie Eriwan bringt das deutsche Engagement den zahlreichen Gästen nahe.

Für uns ist der Tag leider damit nicht zu Ende. Gehetzt durch die vielen Interviewanfragen der armenischen Presse, bekommen wir lediglich die Eröffnung des Abends mit und haben einen kurzen Moment für den Austausch mit dem Künstler, der seine Kunst vor allem in ländlichen Regionen gestaltet. Er hat eine Kunstschule, in der Jugendliche gefördert und in der armenischen Traditionskunst ausgebildet werden. Die guten Rotweine aus dem GIZ Projekt sehen wir nur aus der Ferne.

Der nächste Termin erreicht uns sehr kurzfristig und etwas unerwartet. Der Staatspräsident Serzh Sargsyan erwartet uns zu einem Gespräch. Inhaltlich wiederholen sich die allgegenwärtigen Themen: Die geographische Isolation, Beziehungen zu den Nachbarstaaten, die wirtschaftliche Situation, die historische Aufarbeitung des Völkermordes und die Beziehungen zu Russland. Aus dem Gespräch nehme ich mit, dass die Verhandlungen die wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa betreffend leider gescheitert sind. Mir erscheint es, als ob Europa zu hohe Hürden aufgelegt hätte. Später werde ich erfahren, dass die Abhängigkeit zu Russland hier im Wege stand.

Eines fällt mir bei diesen Gespräch vor allem auf: Alle unsere armenischen Gesprächspartner in offiziellen Stellen sind Männer. Während unsere Delegation vorwiegend aus Frauen besteht, inklusive unserer Vertreterin aus der deutschen Botschaft. Dies sollte keine Rolle spielen, tut es aber doch. Der Staatspräsident und seine Begleiter schaffen es über eine Stunde ein Gespräch zu führen, ohne auch nur einen einzigen Blick von meinem Kollegen Cem Özdemir abzuwenden. Später werden wir diese Beobachtung in unseren Reihen mit viel Humor verarbeiten.

Mit einem Abendessen mit dem Vorsitzenden der Deutsch-Armenischen Parlamentariergruppe Ter-Petrosyan beenden wir den inzwischen sehr späten Abend. Wir lernen nicht nur viel über Sitten, Gebräuche und Tischordnung bei offiziellen Anlässen in Armenien kennen. Sondern auch eine ganz persönliche Geschichte von unserem Kollegen, der bei der russischen Armee in der DDR eingesetzt war und dort ausgeprägte Kameradschaft und Freundschaft erfahren hat.

Mit diesen Eindrücken beenden wir einen einzigen Tag, der mir vorkam wie mindestens zwei.