27.07.2015

Gender Action Plan – Entwicklungshilfe 4.0

27. Juli 2015

Gender Action Plan – Entwicklungshilfe 4.0

27. Juli 2015

Reisetagebuch, Tag4:

Ich treffe Anju Malhotra in ihrem Eckbüro. Das interessante an New York ist, dass die Menschen hier von überall herkommen. Die gemeinsame Sprache ist Englisch mit allen Verfärbungen. Dennoch können Sie sich nicht sicher sein, ob Sie einen US-Citizen, oder jemanden mit einer anderen Nationalität vor sich haben. Spielt irgendwie auch keine Rolle.

Die USA ist ein Einwanderungsland. Hier gibt es Probleme mit Armut, Teilhabe, Ausgrenzung, wie wir sie auch aus Europa kennen. Alles was uns bewegt, bewegt auch die Menschen hier. Aber eins muss man ihnen lassen: sie haben Einwanderung verinnerlicht und niemand, absolut niemand fragt nach ihrem Migrationshintergrund. Ihre Herkunft steht damit auch nicht im Vordergrund. Es gibt eine Grundhöflichkeit und Akzeptanz untereinander. Ich erwische mich dabei, wie gerne ich mehr über meine Gesprächspartner erfahren würde mit der Nachfrage, woher kommen sie? Aber genau diese Frage ist tabu. Oder man erhält bestenfalls die Wohnadresse als Antwort. So weiß ich auch nicht, woher Anju kommt, vermute aber indischer Abstammung- was, wie gesagt, auch keine Rolle spielt.

Sie ist zuständig für den Gender Action Plan innerhalb UNICEF. Dieser hat zur Zeit vier Hauptziele.

-Geschlechterorientierte Gewaltstrukturen aufdecken und verhindern.

-Mädchen Weiterbildung nach der Grundschule ermöglichen

-Geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung  (z.B. Präventives verhindern von HIV, Mädchenbeschneidung, frühe Schwangerschaften, sexuelle Aufklärung, Ernährungsfragen)

-Verhinderung von Zwangsheirat

Am Beispiel dieser stellt Anju dar, wie Programme vor Ort für die Umsetzung entwickelt werden.

Von Zwangsheirat sind bei weitem nicht nur Mädchen betroffen, erfahre ich von ihr, sondern, wenn auch weniger, Jungs. Hierzu gehört viel Aufklärung, Überzeugungsarbeit und Änderung der Gesetze in den jeweiligen Ländern und die Einhaltung dieser. „ Wir verhandeln mit den Ländern, wir bilden vor Ort Kräfte aus, die als Multiplikatoren Aufklärungsarbeit leisten und wir helfen jungen Menschen, die Schutz und Hilfe davor suchen.“ Eine der Programme geht in Zusammenarbeit mit den älteren Frauen in den Dörfern. Diese werden mit Smartphones ausgestattet, sie informieren die Behörden über Geburten und Heiraten. So können ganz gezielt Impfungen gegen Polio, Geburtshilfe und auch Schutz vor Minderjährigenheirat vor Ort angegangen werden. Im Gegenzug bekommen die Frauen einen Entgelt für ihre „Community Services“ und verdienen oft zum ersten Mal ihr eigenes Geld. Es wird ihnen auf ein auf sie registriertes Konto überwiesen, worauf nur sie Zugang haben. Über Smartphones können sie ihre Kontodaten abrufen. Darauf sind sie stolz. „Wenn wir die älteren Damen gewinnen, bekommen wir Zugang zu den anderen Mitgliedern der Familie und können Aufklärungsarbeit als auch präventive Gesundheitsversorgung besser einsetzen. Damit schützen wir junge Menschen. In einigen Regionen gibt es damit  erstmals eine Erfassung von Geburten und Sterbenden. Das verschafft und Daten für weiteres Handeln.“  Entwicklungshilfe 4.0! Ein Konzept, woran weiter gearbeitet wird.

In vielen Regionen der Erde sind inzwischen mehr Smartphones und Telefone im Einsatz als vorhandene Bücher. Die Netzabdeckung sei ebenfalls vorhanden. Die Kommunikationsindustrie scheint da auf dem Vormarsch zu sein. „Deshalb brauchen wir sie auch als Partner für die Entwicklungszusammenarbeit“ sagt Anju.

Gender ist ein Querschnittsthema, so auch bei UNICEF. Die Abteilung von Anju arbeitet eng mit allen anderen Bereichen zusammen. „Für alle Programmbereiche setzen wir Ziele fest, an deren Erfüllung wir dann gemeinsam arbeiten. Oftmals erkennen die Programmzuständigen erst durch das Gespräch mit uns, wie ihre Arbeit mit Geschlechtergerechtigkeit zusammen hängt. Zum Beispiel werden Mädchen seltener immunisiert als Jungen, weil die Eltern sie nicht zu den Ärzten bringen. Erst durch unsere Smartphone- Projekte konnten wir das deutlich nachweisen und präventiv dagegen angehen.

Ein anderes Beispiel: in der Grundschule sind Mädchen und Jungen gleichermaßen beschult, in der weiterführenden Schule sind es deutlich weniger Mädchen. Sie werden zu Hause zur Hausarbeit, zur Unterstützung der Mutter und zur frühen Ehe angehalten.  Deshalb gehen wir aktiv die Beschulung der Mädchen auch in der weiterführenden Schule an“

Die Entwicklungshilfeforschung weiß seit den 80er Jahren, wie wichtig die Förderung von Frauen für die Entwicklung eines Landes ist. Bei den Mädchen damit zu beginnen ist ein richtiger und wichtiger Ansatz.