Es wird konkret - Kinder und Gewalt.

22. Juli 2015
Mit Martha In ihrem neu bezogenem Büro
All denen die in Einsatz für Unicef gestorben sind. Waren in den letzten 3-4 Jahren an die 2000 für gesamt UN
Headquarter UNICEF

Reisetagebuch, Tag 2:

Es wird konkret - Kinder und Gewalt.

Ich treffe Martha Santos Pais in ihren neu bezogenen Büroräumen. Es ist bereits sehr aufgeräumt. Es sind nur wenige Akten im Raum. Umso mehr machen die Mitbringsel aus aller Welt Marthas Büro wohnlich und sehr nett.

Ich kenne sie bereits aus Berlin als Leiterin des Innocenti Forschungsinstituts von UNICEF in Italien. Sie war sie bereits mehrfach zu Gast in Berlin. Ihr Bericht über „Gewalt gegen Kinder“ in der 2014 er Ausgabe der UNICEF Studie zur „Lage der Kinder in der Welt“, hatte einige in der Politik und Öffentlichkeit wach gerüttelt.

Martha ist sehr übermüdet. Sie war in Bolivien, ist von dort aus nach Adis Abeba zur Konferenz zur zukünftigen Entwicklungsfinanzierung geflogen und ist erst gestern Abend in New York gelandet. „Heute Morgen waren in diesem Raum nur Kisten“, erzählt sie.

Als es jedoch um ihre neuen Projekte geht, ist die Müdigkeit verschwunden. Zahlen, Fakten, Argumente und persönliche Erfahrungen packt sie in viele bildreiche Sätze. Sie redet von Ausbeutung, sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung, Gewalt in allen Formen gegenüber den Kindern, nicht nur in Entwicklungsländern. In El-Salvador sterben täglich 20-30 Kinder an den Folgen von Gewalt auf den Straßen. In Kolumbien werden Kinder an den Bushaltestellen, Spielplätzen, öffentlichen Einrichtungen verschleppt, missbraucht, umgebracht. Auf Honduras ist Kidnapping an der Tagesordnung und sind die Kinder verschwunden, werden sie nie wieder gesehen. In Indien werden Kinder versklavt und als Arbeiter verkauft, in Afrika zwangsverheiratet und immer wieder missbraucht - nicht nur Mädchen, auch Jungen. An all diesen Orten war Martha bereits. Überall arbeiten lokale Gruppen von UNICEF an der Sicherheit für Kinder, Traumabekämpfung, Überzeugungsarbeit an offiziellen Stellen, bei der Polizei, Verwaltung, Gerichten, den Regierenden, an der Bekämpfung von Gewalt gegenüber Kindern. UNICEF baut Schutzräume auf, bietet nicht nur Nahrungsmittel und Gesundheitsversorgung, sondern auch mal eine sichere Nacht zum Schlafen.

Martha redet von über einer Milliarde Kindern im Alter zwischen 2 und 14 auf der Welt, die in Familien und in vertrauter Umgebung geschlagen, verschleppt, missbraucht und gefoltert werden. UNICEF fordert mehr Daten ein, um Licht ins Dunkle zu bringen. „Die Folgen von massiver Gewalt sind massive Kosten für die Gesellschaft. Mit Moral und Kinderrechten argumentiere ich schon gar nicht mehr. Viele sind da taub.“ sagt Martha. Kinder werden in „Detention Centers“ eingesperrt und ihnen bleiben die Bürgerrechte verwehrt. Es gäbe dabei noch nicht mal ein Unrechtsbewusstsein. Es gebe noch so viele Beispiele für Gewalt, überall auf der Welt.

Angesichts der Traurigkeit der Situation versiegen mir erst mal die Fragen. Aber als es dann um konkrete Handlungsfelder geht, kann ich ihr Einiges aus den Erfahrungen in Deutschland mit Gesetz und Umsetzung zur gewaltfreien Erziehung mit auf dem Weg geben. Schließlich war es einer meiner ersten erfolgreichen politischen Projekte: Das Gesetz auf gewaltfreie Erziehung und dessen Umsetzung. 143 Nationen haben bereits „Helplines“-Hilfetelefone für Kinder eingerichtet. Bei einer gemeinsamen Auswertung kommt heraus, dass zwei Entwicklungen die Kinder, egal wo, gleichermaßen betreffen: Missbrauch und Mobbing. „Wir brauchen Vorreiterländer in Kinderrechten, damit alle anderen sich daran orientieren können, dass Kinderleben etwas Wert ist. Dass Kinder auch Menschen sind und Rechte haben.“

Ihre Forderung: Skandinavien gilt immer noch als DIE Vorzeigeregion, schön wäre es, wenn Deutschland da auch mit in die Vorreiterstaaten einsteigen würde.

Ich denke daran, dass wir eine sehr viel aktivere Debatte in Deutschland über Kinderrechte hatten, die inzwischen etwas in den Hintergrund getreten ist. Angesichts der Debatten um die Flüchtlingskinder ist es an der Zeit, die Aufnahme der Kinderrechte in die Verfassung wieder aktiver zu diskutieren. Denn Kinder als Rechtssubjekte zu betrachten, ihnen eigenständige Persönlichkeitsrechte zu gewährleisten, ist essenziell wichtig für viele Folgehandlungen in Sozialgesetzbüchern und anderen Gesetzesauslegungen, auch in Deutschland.

UNICEF hat sich selbst vorgenommen, in der Debatte um die „SDG- Sustainable Development Goals“ – ( im Herbst auf der Tagesordnung stehenden Nachhaltigen Entwicklungsziele der Weltgemeinschaft) das Thema „Bekämpfung von Gewalt gegenüber Kindern“ als Schwerpunkt zu setzen.

Sie haben hierzu eine Agenda mit sechs Zielen entwickelt, erfahre ich in einem weiteren Gespräch mit Jost Kooijmanns

-Eltern bewusst machen, trainieren, als Partner gewinnen

-Risiken bekämpfen und Kindern akut helfen

-Haltungen verändern, Bewusstsein schaffen

-Gewalt präventiv bekämpfen und vermeiden

-Rechtssysteme ausbauen, politische Handlungsfelder entwickeln und implementieren

-Forschung und Datenbeschaffung zur Bewusstseinsschaffung

UNICEF will hierfür einen weltweiten Fond einrichten, aus dem alle- also auch die entwickelten Staaten -  Unterstützung, Beratung und Mittel bekommen, um Gewalt gegen Kinder aktiv zu bekämpfen. Großbritannien und Schweden sind bereits mit an Bord. So bekomme ich bereits meine erste Hausaufgabe.