Das UNICEF Aktionsteam Kinderrechte besucht mit Willkommensklasse den Bundestag

30. November 2015

Ein Tag gefüllt mit Sprachen, Demokratie und Kamelreiten in der Wüste

„Für euch ist dieser Tag bestimmt etwas ganz besonderes. Ihr seid hier mitten im Deutschen Bundestag, dem Herzstück der deutschen Demokratie. Ihr seht, wo in Deutschland Gesetze beschlossen werden und Entscheidungen getroffen werden. In den Ländern, aus denen ihr kommt, ist die Politik oft nicht so transparent.“ Die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz schaute in die Runde. Sofort wurde es im Besucherraum unruhig. Ihr Statement wurde murmelnd in verschiedene Sprachen übersetzt. In Arabisch, Serbisch, Italienisch, Türkisch, Spanisch und Englisch. Dann: Bestätigendes Nicken.

Wir, das Aktionsteam Kinderrechte der UNICEF Arbeitsgruppe Berlin, waren am 05.10.2015 mit einer Gruppe geflüchteter Jugendlicher der Lina-Morgenstern-Oberschule zu Besuch im Bundestag. Im Vorfeld hatten wir bereits einen Workshop in der Willkommensklasse gehalten, in dem wir das politische System Deutschlands erklärt haben. An diesem Tag konnten die Schüler das wichtigste Organ der deutschen Politik mit eigenen Augen sehen.

Der Ausflug begann mit einem Vortrag auf den Besuchertribünen des Plenarsaals. Dort wurde uns erklärt, dass Herr Lammert der zweitwichtigste Mann im Staat ist, auf welchem Stuhl Frau Merkel sitzt, welchen Knopf Herr Gysi drücken muss, um ein Glas Wasser zu bekommen und welche Taste das Mikrofon freischaltet, damit Frau Peter dem Redner eine Frage stellen kann. Die Schülerinnen und Schüler hörten interessiert zu und stellten auch selbst einige Fragen.

Anschließend ging es mit dem Fahrstuhl auf das Dach des Reichstages. Dort genossen wir mit einer wunderschönen Aussicht auf die Skyline Berlins unser mitgebrachtes Picknick und erklärten auf verschiedenen Sprachen, welches der vielen Dächer zum Sony Center gehört und suchten die Goldelse im Tiergarten.

Nach der Kuppelbesichtigung wanderten wir durch die Unterwelt des Reichstages ins Paul-Löbe-Haus, wo wir ein Gespräch mit der Grünen-Abgeordneten Ekin Deligöz hatten. Nachdem wir uns vorgestellt und die Schüler aufgezählt hatten, aus welchen Ländern sie stammen, erzählte uns die Bundestagsabgeordnete, dass auch sie nicht in Deutschland geboren wurde. „Ich stamme aus der Türkei und bin erst mit acht Jahren zusammen mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen“, berichtete sie. „ Die ersten drei Monate habe ich nur geweint. Ich konnte kein Wort Deutsch und habe nichts verstanden. Aber dann habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich wollte dazugehören. In der Türkei gibt es das Sprichwort „Wenn du in der Wüste bist, musst du entweder lernen, Kamele zu reiten oder die Wüste verlassen.“ Frau Deligöz hat die Kamelzügel in die Hand genommen und Reiten bzw. Deutsch gelernt. „Schaut mich an“, ermutigte sie die Jugendlichen, „Ich bin ein gutes Beispiel, dass man in Deutschland viel erreichen kann, wenn man bereit ist zu lernen und an sich selbst glaubt!“

Ein Schüler meldete sich. „Ich bin ja bereit, Deutsch zu lernen. Aber das läuft hier sehr schwer“, erklärte er. Er erzählte, dass er seit wenigen Monaten in Deutschland ist, aber es in den Erstaufnahmeeinrichtungen oft an geeigneten Rückzugsorten fehlt, um in Ruhe Deutsch lernen zu können. Dass er so gut Deutsch könne, liege daran, dass er sich jeden Abend eine Stunde lang mit den Sicherheitsleuten in seiner Unterkunft unterhalte und in der Schule mit den SchülerInnen und LehrerInnen so viel Deutsch wie möglich redet.

„Stimmt“, bestätigte Frau Deligöz. Das wichtigste für euch ist, dass ihr Essen und eine Unterkunft habt und zur Schule gehen könnt. „Ihr seid jetzt ein Teil von Deutschland und wir müssen uns mehr dafür einsetzen.“

Sie selbst setzte sich neben ihrer Abgeordnetentätigkeit auch für UNICEF ein. „Ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich die Welt verbessern möchte, mich nicht nur auf Deutschland konzentrieren sollte“, erklärte sie. Dann ermutigte sie die Schüler, es ihr nachzutun. Als Flüchtlinge in Deutschland lernen die Kinder, mit schwierigen Situationen umzugehen und würden sprachliches und kulturelles Verständnis erwerben. „ Das nennt man soziale Kompetenzen, und die lernt ihr nicht in der Schule! Damit habt ihr vielen anderen Kindern etwas voraus“, erklärte sie. „Vielleicht entscheidet ihr euch ja auch dazu, wenn in euren Ländern wieder Frieden herrscht, zurückzugehen und die Länder als Politiker oder Ärztin wieder aufzubauen!“ Aber erstmal wäre wichtig, Kamelreiten zu lernen. 

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