Inside UNICEF - Woher kommt das Geld zu UNICEF und wohin fließt es?

27. Juli 2015
Lagezentrum für Nothilfe- noch ist es ruhig!
Büros der Mitarbeiter, klein&bunt
In den Räumen von UNICEF
Ein Dankeschön aus Indien

Reisetagebuch, Tag5:

UNICEF arbeitet in der Programmabteilung an sieben Themenschwerpunkten und zwei Querschnittsbereichen.

Die Sieben Schwerpunkte setzen sich wie folgt zusammen:

  1. )     Gesundheit
  2. )     HIV/AIDS und Kinder
  3. )     Wasser, Hygiene und Sanitäranlagen
  4. )     Ernährung
  5. )     Kinderschutz
  6. )     Soziale Inklusion Im Querschnitt zu dieser Arbeit liegt Geschlechtergerechtigkeit und Stärkung von Mädchen und Frauen. Adoleszenz, worüber ich bereits berichtet habe

Diese Ziele werden in den Regionalbüros adaptiert und entsprechend  der Lage vor Ort in Programme umgewandelt und implementiert. Da UNICEF in den Ländern lokale Einheiten hat, vorwiegend Ortskräfte qualifiziert und mit ihnen zusammenarbeitet, kann in den Programmen sehr nachhaltig und langfristig an den Entwicklungs- und Ausbaustrukturen arbeiten und damit auch Nachhaltigkeit gestalten.

Für humanitäre Hilfe und Aufbau gibt es eine eigene Abteilung.

Daneben gibt es auch eine Abteilung für Nothilfen. Nothilfen teilen sich auf in „Naturkatastrophen“ und den von den „Menschen erzeugten“- „Man-Made“- also durch Flucht und gewalttätigen Konflikten erzeugte humanitäre Notsituationen. Die Leiterin der Abteilung führt das Lagezentrum vor. Dieser ist 24 Stunden/ 7Tage die Woche besetzt. Täglich finden hier Lagebesprechungen statt, in enger Kommunikation mit den Mitarbeiterinnen auf dem Feld, als auch mit den Distributionseinheiten in den einzelnen Regionen. Hier rufen auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an, die selbst in ihrem Einsatz in Not geraten und Hilfe anfordern. Evakuierungen als auch Soforthilfe, Einsatzplanung und Transportanweisungen für Hilfsgüter kommen von hier.

Ich erwische eine der wenigen Minuten im Raum und erlebe Minuten später, wie ein Anruf aus Jemen das Lagezentrum erreicht und wie schnell Hilfsgüter für Flüchtlinge, von Notzelten bis hin zu Wasseraufbereitungsanlagen und Nahrungsmittel auf den Weg gebracht werden. Das Personal selbst wird in der ersten Etappe in der Region, auch in Zusammenarbeit mit anderen Nichtregierungsorganisationen rekrutiert. Experten werden entsprechend hinzu gezogen und reisebereit gemacht. Eine Abteilung sorgt für schnelle Anreisemöglichkeiten der Experten inklusiver Beschaffung der Reisegenehmigungen und der Visa. Alles läuft hochkonzentriert und sehr professionell ab.

Die neuen Medien sind hier im Dauereinsatz, diese sind das Hauptkommunikationsmittel für die Vernetzung aller und gewährleisten schnelles gezieltes und vernetztes Handeln.

Die Leiterin berichtet mir, dass in den Phasen der Soforthilfe immer auch an Nachhaltigkeit  mitgedacht wird. „Zunächst einmal sorgen wir für Soforthilfe, aber dann bauen wir fest Infrastrukturen aus, die auch dann funktionieren, wenn die Soforthilfe abzieht. Zum Beispiel werden Wasserrohre verlegt und Brunnen zur öffentlichen Nutzung aufgebaut. Da wir in den meisten Ländern bereits seit längerem Einheiten haben, die auch dann bleiben, wenn längst andere abgezogen haben, wissen wir auch, wo die sensiblen Punkte sind und wie wir die Kooperation mit den Länderregierungen so gestalten, dass unsere Hilfe ankommt und nachhaltig ist. Die in Haiti zum Beispiel sind immer noch und sie arbeiten weiterhin an Versorgungsstrukturen und den Aufbau von Schulen.“

In Nepal, lese ich aus einem Länderbericht (die gibt es zu jeder Krisenregion), waren von dem Erdbeben der Stärke 7.8 4,2 Mio. Menschen betroffen, darunter 1,7 Mio. Kinder. An die 88000 Menschen starben, es gab mehrere Tausend Verletzte. UNICEF hat für knapp ein Drittel der Menschen die Wasserversorgung gesichert. 22500 Mütter mit neugeborenen Babys und Schwangere wurden medizinisch versorgt und fanden Schutz in UNICEF Quartieren. 170 000 Kleinkinder (zwischen 6 und 59 Monaten) wurden mit entsprechenden Nahrungsmitteln und präventiven Gesundheitsmaßnahmen versorgt (wie zum Beispiel Impfungen gegen ansteckende Krankheiten und Choleraprävention). Durch „Community Groups“ wurden über 140 000 Kinder erreicht, die vor Missbrauch, Verschleppung, Gewalt und Ausbeutung und Menschenhandel geschützt wurden.

Dies alles hat an die 120 Mio US $ gekostet. Davon sind 60% gedeckt. Für die weiteren 40% werden noch Mittel benötigt.

Von dem Leiter der Programmabteilung erfahre ich von dem Unterschied von UNICEF zu anderen Einheiten. „Die NGOs, mit denen wir gern und eng zusammenarbeiten, sind meistens sehr punktuell im Einsatz. Die Entwicklungshilfe der Länder ist in der Regel projektbezogen. Wir aber haben Länderbüros bereits seit 40 bis 50Jahren vor Ort. Wir kennen die Akteure, genießen hohes Vertrauen und können  an der Änderung der Strukturen ansetzen. Bei uns heißt Gesundheit sichern, nicht nur Impfen. Wir bilden Krankenpfleger und Experten aus, bauen in Absprache mit den Regierungen Strukturen der Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder auf. Oft greifen andere Organisationen auf uns zurück, da wir das Vertrauen der Menschen vor Ort uns erarbeitet haben und sie kommunikativ erreichen. “

 

Woher kommt das Geld?

UNICEF erhält einen Teil ihres Budgets aus den Mitgliedsländern der UN, den weiteren Teil durch Spenden und interorganisationalen Übertragungen (so zum Beispiel wenn sie für andere UN Organisationen Einsätze mit übernehmen oder ausführen, da diese nicht vor Ort anwesend sind)

Deutschland war Jahre lang bei den offiziellen Mitteln an UNICEF eine der Schlusslichter, im Vergangenen Jahr sind sie von Platz 8 zu Platz 4 aufgestiegen. Allerdings durch eine sehr konzentrierte Hilfe für Syrienflüchtlinge. Es treibt Einige im Haus die Sorge, dass diese Mittel nicht von langer Dauer sind, deshalb gibt es ein großes Interesse an Kontakten zu den Ministerien in Deutschland. „Wir erfahren eine gewisse Zurückhaltung in den Ministerien, anders als an politischen Akteuren“ wird mir vertrauensvoll zugeflüstert.

In der Tat zeigen das auch die Zahlen. Bei den regulären Zahlungen aus Deutschland sind wir weiterhin auf Platz 12. Bei den Nothilfemitteln auf Platz 3. Damit reduzieren wir die Ressourcen um den Aufbau von langfristigen nachhaltigen Strukturen vor Ort. Aber genau diese Strukturen, wie Investitionen in Bildung, Gesundheit, Ernährung und Gewaltvermeidung, führen dazu, dass Menschen erst gar nicht fliehen müssen.

Immer wieder geht es mir durch den Kopf: Deutsche Hilfe ist zwar da wenn sie dringend gebraucht wird, aber weniger daran beteiligt, dass es gar nicht soweit kommt. Dabei könnten wir sehr wohl Ressourcen dafür aufbringen. Unsere Selbstverpflichtung 0,7% unseres BIP für die Entwicklungshilfe zu verwenden, haben wir noch lange nicht erreicht. Trotz Steigerungen der Regierung in den letzten Monaten (die vorwiegend für dringende Nothilfe aufgewandt wurden) sind wir noch unter 0.4%- da ist noch Luft und vor allem die Pflicht nach oben. Für UNICEF gilt, je stätiger die Mittel, desto effektiver der Einsatz, deshalb sind sie auch an diesen interessiert.

Anders schaut es bei den freiwilligen Spendenaufkommen aus Deutschland aus. Hierfür arbeitet UNICEF Deutschland auf ehrenamtlicher Basis in Ortsgruppen und im Deutschen Komitee für UNICEF. Der Fleiß der Ehrenamtlichen sorgt dafür, dass sie der drittgrößte Spendensammler weltweit sind. Der Dank kann nicht groß genug sein! Sie tragen mit jedem Cent dazu bei, dass Licht in Schatten dorthin geworfen wird, wo sonst keiner hinschaut - auf die Lage der Kinder in der Welt, auch dann, wenn alle ihre Nothilfe und Einzelprojekte abziehen. Sie sorgen für eine kontinuierliche Arbeit in den unterentwickeltsten Regionen der Welt für Kinderrechte. Daran, das Leben eines jeden, unabhängig vom Alter und Geschlecht, etwas Wert ist. Im Jahresbericht von UNICEF Deutschland wird detailliert aufgezeigt, wofür das Geld verwendet wird.

Noch ein Vorurteil baue ich hier ab: es ist bei weitem nicht so bürokratisch und gigantisch, wie man sich eine UN Organisation vorstellt. Ich erlebe die Mitarbeitet hoch konzentriert, mit viel persönlichem Einsatz innerhalb von wenigen Minuten, das Unmögliche möglich machen, wenn es sein muss. Auch unter Einsatz ihrer eigenen Sicherheit.

„Was treibt dich an?“ frage ich eine der Mitarbeiterinnen: „ich bin zwar in New-York für eine Weile eingesetzt, aber ich kann es kaum erwarten, wieder vor Ort in einem der Länderbüros zu sein und mit den Menschen zu arbeiten. Es ist sehr erfüllend und mit jedem Lächeln, das dir zugeworfen wird, weißt du, dass es richtig und wichtig ist.“