Freiheit des Lernens eröffnet Wege des Wagens

24. Juni 2016

Rede Von Ekin Deligöz

"Das akademische Leben ist also ein wildes Hasard." (Max Weber (1917): Wissenschaft als Beruf)

"Ich nähere mich der Frage nach dem Studieren in Konstanz mit einer qualitativen Analyse durch drei Grundsatzfragen an einige Kommilitonen: Warum hast du dich für ein Studium in Konstanz entschieden? Was war dein prägendstes Erlebnis? Was hat dir dort überhaupt nicht gefallen

Unter den Hauptgründen bei den Befragten für ein Studium in Konstanz finden sich am häufigsten die Angaben Uni-Party, See-Nähe, Familientradition, Sommer und Wassersport. Positive Erfahrungen? Drei Semester Skat, Wassersport, Uni-Party und die gute Bibliothek, die auch zur späten Stunde Arbeiten möglich gemacht hat, da im Sommer tagsüber die Ablenkung zu groß war. Negative Erfahrungen? Wohnungslage, Bahnverbindung, Nebel, Prüfungsstress von November bis März.

In der beschriebenen Summe und Intensität der Freizeiterlebnisse scheint die Zeit des Studiums nicht nur eine wilde, sondern auch eine Zeit voller – natürlich völlig unfreiwilliger – Ablenkungen durch wiederum andere KommilitonInnen gewesen zu sein. Es beschlichen mich langsam Zweifel, ob und wie meine KollegInnen und ich bei diesen prägenden Angeboten im Umfeld des Studierens zu einem Abschluss gekommen sollten. Allerdings klingen die Berufsbezeichnungen meiner Testgruppe durchaus bemerkenswert: Senior Consultant, System Integration Manager, Fachreferent, stellvertretender Leiter Competence Center, Human Ressource Manager und nicht zuletzt meine derzeitige Bezeichnung: MdB.

Dies könnte ein Hinweis auf das Zutreffen des obigen Zitats "ein wildes Hasard" sein, was in Gänze so sicherlich nicht zu beweisen ist. Deshalb wage ich einen zweiten Ansatz.

"Nur auf dem Boden ganz harter Arbeit bereitet sich normaler-weise der Einfall vor." (Max Weber (1917): Wissenschaft als Beruf)

Ein Blick auf die Homepage der Universität Konstanz bestätigt: Die Universität ist definitiv im Internetzeitalter angekommen. Bei meiner Immatrikulation gehörten wir mit zu den ersten Studierenden, die über eine E-Mailadresse verfügten. Hierzu hatten wir immer eine Diskette in der Tasche, die dazu diente Universitäts-intern Mails zu versenden oder zu empfangen, natürlich nur auf den Universitäts-eigenen PCs. Innovation wurde hier schon immer hoch gehalten, auch wenn wir jedes Mal, wenn es regnete, auf Wassereimer im Audimax und an anderen Orten zurückgreifen mussten, da die technische Innovation nicht unbedingt die Bausubstanz das Hauses umfasste. Womöglich war das aber auch eine bewusste Schulung der Schwarmintelligenz in der Offline-Welt.

Ich traue der Universitätsleitung durchaus zu, im Sinne einer guten Lehre und Wissenschaft ungewöhnliche Wege zu bestreiten. Nicht umsonst ist die Universität Konstanz bei allen nationalen Rankings und Exzellenzverfahren in der Wertung sehr weit vorne. Aber eine gute Universität hat auch entsprechende Anforderungen an die Lehrenden und Studierenden, sei es an die Forschung, die Lehre.

Um diesen Anforderungen zu genügen, war es unabdingbar, viele Stunden am Gießberg zu verbringen. Die gute Bibliothek und der Blick aus dem Mensagebäude erleichterten das Verweilen im Hause. Vor allem aber der Fachschaftsraum von uns Verwaltungswissenschaftlern bot mir eine gewisse vertraute Geborgenheit.

Die Universität als zu Hause? Ja, in einer rasanten, globalisierten, internationalisierten und pluralisierten Welt ist das Studium geradezu ein geschützter Raum, das uns durch portionierte Herausforderungen schult und vorbereitet. Dies mag für Studierende, die mitten in der Stressphase sind, etwas fremd klingen, aber es ist so: Sich absondern und vertiefen können in den Gängen der Bibliothek, Zeit haben zu lesen, lernen, Zugang zu wahrer Bildung durch Diskussionen, Erfahrungsaustausch, Luxus des Fragen-stellen-Dürfens sind Beispiele für gute Rahmenbedingungen des Lernens. Die Uni Konstanz ist eine Universität, die internationale Wissenschaft hineinträgt in die Lehre und uns an den Erfahrungen teilhaben lässt. Diese Internationalität ist Garant für eine Ausbildung, die uns fit macht für die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt. Vor allem aber vermitteln die Fakultäten das Zugehörigkeitsgefühl  zu der großen Alma Mater - denn ohne Freude kann man nicht studieren und ohne Freunde erst recht nicht.  

Es gehört aber auch dazu, sich unter den besten Rahmenbedingungen selbst auf das Lernen einzulassen. Das kann Wochen oder Monate bedeuten, in denen man sich in Büchern und Aufsätzen verliert und sich dann und wann auch mal überfordert fühlt. Ist die Grundlage des wissenschaftlichen Arbeitens allerdings erst da, ist das kreative Anwenden gar nicht mehr so schwer und wenn Leidenschaft dazu kommt, dann war es die Arbeit auf jeden Fall wert.

"Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann." (Max Weber (1917): Wissenschaft als Beruf)

 Studieren in Konstanz ist mehr als Scheine erwerben, Prüfungen bestehen, Stunden in der Bibliothek verbringen, den See genießen und Freunde finden. Studium in Konstanz war für viele von uns ein prägender Lebensabschnitt, für alles was danach kam. Was bleibt ist die Summe des Ganzen, das "Uni-Konstanz-Gefühl".

Wir Verwaltungswissenschaftler verbringen die Hälfte unseres Studiums damit zu definieren, was wir eigentlich studieren. Meine Lieblingsbeschreibung ist immer noch "Ganzheitliches Studium unter Einbeziehung verschiedener Blickwinkel auf die angewandte Problemlösungsorientierung". Je konfuser allerdings diese Selbstdefinition war, desto schneller erhielten wir die Reaktion: "Aha, also etwas ganz Bodenständiges". Diesem Satz folgte zugleich unsere Reaktion: "Aber an der Uni nicht an der Fachhochschule", um zu unterstreichen, dass wir nicht das können, was sich die meisten darunter meinten, vorstellen zu müssen, aber eben das andere dafür umso besser. Vermutlich ist dieser leidenschaftliche Identitätsfindungsprozess der Auslöser dafür, dass die Verwaltungswissenschaftler-Netzwerke, egal wo in Deutschland, flächendeckend existent sind. Diese Leidenschaft führt unseren Weg auch immer wieder zurück zu unserer Studienheimat, sei es für einen Tag in Konstanz oder auch einen Empfang der Universität in der Baden-Württembergischen Landesvertretung in Berlin. Die Verbundenheit ist spürbar vorhanden. Ein Stoff, aus dem neue innovative Ideen entwickelt werden könnten?

"Die (…) Definition dieser Tatbestände ist ein Beispiel dafür: daß gerade das 'Selbstverständliche' (weil anschaulich Eingelebte) am wenigsten 'gedacht' zu werden pflegt." (Max Weber (1921): Wirtschaft und Gesellschaft)

Es ist vor allem die Freiheit, die uns die Universität geboten hat, die wir sehr selbstverständlich wahrgenommen haben. In einer Zeit, in der ich wegen meiner  türkischen Staatsbürgerschaft kein Wahlrecht hatte und damit von einem wichtigen Instrument der politischen Teilhabe ausgeschlossen war, wurde ich von vielen unterstützt, als ich für das Amt als Fakultätsrätin antrat. Die Universität hat mir beigebracht, dass Augenhöhe unabhängig von Herkunft und individueller Zugehörigkeit möglich ist. Dies hat meine politische Überzeugung geprägt und mich zu einer überzeugten Demokratin geschult. Im Universitätsleben in Konstanz war ich eine gleichberechtigte Studentin. Ich habe es genossen, mir meine Meinung bilden zu dürfen und diese auch äußern zu können. Ein Kontrast dazu liefert ein Gespräch zu dieser Zeit mit einem Professor der Sozialwissenschaften in der Türkei, der mir die Frage stellte, ob bei uns der Verfassungsschutz oder die Zivilpolizei mit in den Vorlesungen der Politikwissenschaft sitzen würde, um die Professoren und Studierende zu überprüfen. Auf mein resolutes "Da sitzt niemand mit drin, die Wissenschaftsfreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut." erntete ich Unglauben und die Antwort: "Deine Unwissenheit ist der Naivität des Alters geschuldet." Ich hatte Recht, er Unrecht. Was allerdings an meiner Alma Mater selbstverständlich ist, ist es keineswegs überall in der Welt.

Max Weber hat Recht, wenn er sagt, dass an das Selbstverständliche am wenigsten gedacht wird. Aber ist genau das, was für uns selbstverständlich ist, nicht ein sehr hohes Gut, wofür es sich lohnt, sich jeden Tag von neuem einzusetzen, damit es selbstverständlich bleibt? Oder in Max Webers Worten gesprochen: dicke Bretter zu bohren?

"Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, daß man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre." (Max Weber (1919): Politik als Beruf)

Ich erinnere mich an dieser Stelle ganz besonders an ein Gespräch mit Prof. Simon, der mir den Rat gab, wenn ich in die Politik gehen sollte, unbedingt Mitglied des Haushaltsausschusses zu werden.

Alle meine Argumente, dass man sich mit anderen Themen besser positionieren, besser parlamentarisch wie öffentlich profilieren könne und wie schwer es sei, in diesen Ausschuss überhaupt hinein zu kommen, wurden von ihm mit einem Satz weggefegt: "Gehen Sie in den Haushaltsausschuss!" Dort bin ich nun Mitglied, im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages. Neulich im Plenum hielt ich eine Rede zur Neugestaltung der Kommunalfinanzen und da war es wieder: Das Uni Konstanz-Gefühl. Trotz all der räumlichen und zeitlichen Distanz war ich während dieser Rede die Schülerin von Prof. Simon und er stand in spiritu neben mir. Ich weiß nicht, wer von uns stolzer war: er, weil er sich durchgesetzt hat oder ich, weil ich die Ehre hatte, seine Schülerin zu sein. Danke!

Lernen und wagen sind manchmal nahe beieinander. Ich habe gelernt etwas zu wagen. Ob das Studium uns auf unseren Beruf vorbereitet, vermag ich nur bedingt zu beantworten, die Antwort fällt sicherlich individuell anders aus. Aber auf das Leben wurden wir definitiv gut vorbereitet."